Textauszug Kapitel „Gefühle unter Robotern“


„Warum die Sicherheitsschleusen und all das? Was ist hier so gefährlich?“, fragte Selina scharf.
Erik Molaris blickte unschlüssig zu Grace hinüber, die in diesem Augenblick aber gerade mit einer Aufzeichnungskamera beschäftigt war. Dann sah er Richard Decker an, doch der alte Roboterpionier schlug in die gleiche Kerbe wie Selina: „Ja genau, was habt ihr bei den Empas nun eigentlich geändert?“ fragte er mit einem leicht scharfen Unterton.
Molaris schob die Unterlippe vor und zurück: „Wisst ihr, was Spiegelneuronen sind?“ entgegnete er anstelle einer Antwort.
Selina schüttelte den Kopf, doch bevor ihr Vater weiter ausholen konnte, antwortete schon Grace: „Das sind Nervenzellen im Gehirn von Primaten, die beim Betrachten eines Vorgangs genauso aktiv werden, wie wenn der Mensch oder der Affe diesen Vorgang nicht nur beobachtet, sondern ihn selbst ausgeführt hätte.“ Und mit einem entwaffnenden Lächeln setzte sie hinzu: „So steht es im Internet-Lexikon.“
„Und das heißt?“ fragte Selina.
„Wenn Menschen oder Affen etwas beobachten, dann spielen die Spiegelneuronen in ihrem Gehirn das auch durch“, erklärte Erik. „Wenn jemand gähnt oder uns die Zunge herausstreckt, feuern in unserem Kopf die Spiegelneuronen und wir würden das auch gerne tun. Ganz automatisch sozusagen. Und das funktioniert nicht nur bei Handlungen, sondern auch bei Emotionen. Wenn wir sehen, dass jemand seine Hand in heißes Wasser taucht und das Gesicht verzieht, empfinden wir ein wenig Schmerz mit. Das leisten die Spiegelneuronen.“
Richard fiel noch ein weiteres Beispiel ein: „Ihr kennt doch das Fremdschämen, oder? Wenn jemand im Internet-Fernsehen etwas Peinliches tut, können wir gar nicht anders, als uns ein bisschen mitschämen.“

„Ah, verstehe“, sagte Ben, „daher redet ihr also von mitfühlenden Robotern.“
„Genau“, bestätigte Molaris. „Wir haben diesen Robotern eine Menge Spiegelneuronen eingebaut. Damit sie intuitiv mitfühlen können, mussten wir aber die starren Grundregeln reduzieren, sonst würde dieses Prinzip nicht funktionieren. Jetzt testen wir das erst einmal an unseren Schimpansen-Robotern…“
„… und danach an Androiden? Verstehe ich das richtig?“ fragte Selina scharf.
„Wenn’s klappt, ja.“
„Seid ihr eigentlich völlig irre?“ rief sie spontan.
Erik Molaris presste die Lippen aufeinander und sah seine Tochter aus zusammengekniffenen Augen an. Grace Gan warf nur einen erschrockenen Blick auf die junge Frau in der abgetragenen Lederjacke und wandte sich dann ab, um an einem Bedienpanel irgendwelche Einstellungen zu überprüfen.
„Was genau meinst du?“ fragte Molaris leise und in sanftem Tonfall.

Selina rieb sich über die Stirn und zerzauste ihre Haare. Sie sah von ihrem Vater zu Richard und Grace und wieder zurück. „Kapiert ihr denn nicht, was ihr da tut?“
Dann zu Oliver, Ben und Philip: „Das ist doch absoluter Wahnsinn!“
Und wieder zu Erik Molaris: „Ihr versucht da also, den Robotern Gefühle einzupflanzen und ihnen Empathie beizubringen, und habt dafür die Robotergesetze ausgehebelt? Also dass sie niemanden verletzen und töten dürfen und so weiter?“
„Nein, diese Regeln sind schon noch drin“, widersprach der Mensch-Maschine-Experte entschieden.
Sofort schoss Selinas Zeigefinger auf ihren Vater zu, als ob sie ihn damit durchbohren wollte: „Aber ihr wisst nicht, ob sie sie noch einhalten! Hab ich Recht?“ fauchte sie.
Molaris schüttelte den Kopf. „Das testen wir gerade – und dafür haben wir ja das Sicherheitsglas und die Schleusen“, entgegnete er, aber es klang etwas lahm.
„Mann, ich versteh euch nicht! Was soll denn das alles?“ Selina war so wütend, dass ihr beinahe Tränen in die Augen traten.
„Selina, beruhig dich doch“, drängte Oliver und griff nach ihrem Arm. Sie schüttelte ihn ab.
„Ich versteh’s, ehrlich gesagt, auch nicht – was sollen Roboter mit Gefühlen?“ murrte Ben und scharrte mit den Füßen auf dem Steinboden.

Selina sah ihn dankbar an und legte nach: „Da habt ihr jetzt Wesen erschaffen, die zehnmal stärker sind als wir, die nicht müde werden, die ständig übers gesamte Wissen des Internets verfügen, die sich über Funk austauschen können wie über Telepathie – und dann wollt ihr ihnen auch noch Gefühle geben? Damit die vielleicht losziehen und Menschen umbringen? Menschen wie Carl?“ Als sie an den grausamen Tod ihres alten Freundes dachte, kamen ihr die Tränen…

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