Woher bekommen wir zwei Erden?


Wer wissen will, was die Welt des Jahres 2050 prägen wird, muss sich nur ein paar nüchterne Zahlen ins Gedächtnis rufen, die aus den Trendbeobachtungen der Vereinten Nationen und anderen Analysen resultieren: 2050 wird die Erde 9,3 Milliarden Bewohner haben – 2,3 Milliarden mehr als heute – , und es werden fast so viele Menschen in Städten leben wie heute auf dem ganzen Planeten. Zugleich wird 2050 China die größte Volkswirtschaft der Erde sein, vor den USA und Indien. In den heutigen BRIC-Staaten – Brasilien, Russland, Indien, China – wächst der Wohlstand rasant. Bereits in den nächsten zehn Jahren dürfte sich dort die Zahl der Menschen, die dem Mittelstand zugerechnet werden, auf rund 1,6 Milliarden verdoppeln, und auch ihre Ausbildung wird immer besser: Schon heute gibt es allein in China mehr Studienanfänger, als in den USA, der Europäischen Union und Japan zusammengenommen.

All dies hat erhebliche Auswirkungen: Ohne gravierende Veränderungen wird sich der Rohstoffverbrauch der Welt – Metalle, Mineralien, Biomasse und fossile Energieträger – bis 2050 von heute 60 auf 140 Milliarden Tonnen mehr als verdoppeln. Ähnliches gilt für den Energie- und Strombedarf und den Ausstoß an Treibhausgasen. Mathis Wackernagel, Gründer der Denkfabrik Global Footprint Network, schätzt, dass wir bereits 50 Prozent schneller die Natur der Welt nutzen, als sie sich regenerieren kann. Macht die Menschheit so weiter wie bisher, dann brauchen wir 2050 mindestens zwei Erden statt der einen, einzigen, die wir haben. Der Raubbau an der Natur würde nicht nur zu enormen Verknappungen auf allen Gebieten führen – Rohstoffe, Nahrung, Wasser, Lebensraum –, sondern daraus resultierend auch zu bewaffneten Konflikten. Hinzu kommen die Effekte des Klimawandels, ob Überschwemmungen, Dürren, Stürme oder der steigende Meeresspiegel, die Völkerwanderungen von Millionen von Menschen verursachen würden. Denn der Großteil der Menschheit lebt nicht in den Gebieten, die von einem Klimawandel profitieren, sondern in denen, die massiv darunter leiden.

Wirtschaftswachstum mit weniger Ressourcen

Dass ein „Weiter wie bisher“ also keine Option für unser Handeln sein kann, müsste jedem vernünftig denkenden Menschen sofort einleuchten. Die Antwort kann nur in einer Kultur der Nachhaltigkeit liegen: Die Strukturen der Weltwirtschaft, von der Energie- und Wasserversorgung über die Fertigungsindustrie bis zum Finanzwesen, müssen so umgebaut werden, dass auch nachfolgende Generationen noch eine lebenswerte Welt vorfinden. Wirtschaftswachstum muss auch mit weniger Ressourcen möglich sein. Produkte müssen so designt werden, dass sie wenig Energie verbrauchen, dass sie am Ende ihres Lebens gut recycelt werden können und dass sich Wertstoffe wie etwa Kupfer oder die Metalle der Seltenen Erden aus ihnen leicht wieder zurückgewinnen lassen.

Bis 2050 wird zudem an die Stelle des Öls ein neuer universeller Energieträger treten: der elektrische Strom: Denn er kann mit Hilfe der erneuerbaren Energien – Wind, Sonne, Wasser, Biomasse und Erdwärme – praktisch ohne Treibhausgase erzeugt und mit nur sehr geringen Verlusten über Tausende von Kilometern übertragen werden. Und man kann ihn extrem effizient nutzen: So kommen etwa Leuchtdioden mit nur einem Fünftel des Stroms von gleich hellen Glühlampen aus, und Elektromotoren sind drei- bis viermal effizienter als Verbrennungsmotoren. Selbst die Meerwasserentsalzung geht mit Membrantechnologien und elektrischem Strom mindestens doppelt so effizient wie mit den besten bislang eingesetzten Verfahren. Und das Beste: Fast überall sind wichtige Infrastrukturen für elektrischen Strom bereits vorhanden. Alles deutet darauf hin, dass wir an der Schwelle eines neuen Stromzeitalters stehen.

(c) Pictures of Future 2/2009

Im Jahr 2050 werden 6,5 Milliarden Menschen in Städten leben © Siemens AG, Pictures of the Future

Selbst das Problem, dass sich elektrischer Strom nur schlecht speichern lässt, ist lösbar. Zum einen wirken die Elemente des neuen Stromzeitalters wie perfekt passende Puzzleteile zusammen: So sind Elektroautos nicht nur sehr effiziente Nutzer von Elektrizität, sondern sie können in ihren Batterien Strom auch zwischenspeichern und zu guten Preisen ins Netz verkaufen, wenn dort hohe Nachfrage herrscht. Dazu braucht man flexible Strompreise und intelligente Stromzähler – was sowieso nötig ist, wenn größere Mengen an stark schwankendem Wind- und Sonnenstrom eingespeist werden. Zum anderen wandeln sich nicht nur die Fahrzeuge zu Smart Cars und die Gebäude zu Smart Buildings, sondern auch das Stromnetz zum Smart Grid, in dem der Strom dank Sensorik, Nachfrage-Management und ausgeklügelten Prognosetechniken optimal genutzt wird. Und gibt es doch einmal überschüssigen Strom, etwa wenn der Wind zu stark weht, so kann er dazu verwendet werden, Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff zu spalten. Mit Wasserstoff, der sich zudem mit Kohlendioxid zu Methan oder Methanol umwandeln lässt, kann man nahezu alles machen: vom Treibstoff für Autos oder Flugzeuge bis zu Kunststoffen, für die man in der Zeit nach dem Öl neue Quellen benötigt.

Tausendmal mehr Rechenleistung pro Chip

Dass die Systeme immer intelligenter werden, wird durch den anhaltenden Boom der Informations- und Kommunikationstechnik befördert. Denn für mindestens noch 20 Jahre gilt das Moore’sche Gesetz für Mikrochips: Dies bedeutet, dass sich sowohl die Rechenleistung wie die Speicherfähigkeit von Computern und die Datenübertragungsrate in Festnetz und Mobilfunk noch einmal vertausendfachen werden. Oder anders gesagt: Schon in den 2030er-Jahren wird das, was heute ein Notebook für 500 Euro leistet, auf einem Chip für unter 50 Cent zu haben sein. Computer- und Kommunikationschips werden dann so billig, dass sie praktisch in jedem Alltagsgegenstand zu finden sein werden, vom Plakat mit Funkchip bis zum Wohlfühlsensor im Wohnzimmer. Auch werden die Autos der Zukunft mit vielfältigen Sinnesorganen die Umgebung abtasten, notfalls selbstständig agieren, um Unfälle zu vermeiden, und mit der Infrastruktur ebenso kommunizieren wie mit den Smartphones, dem Personal Robot oder dem Smart Building ihrer Besitzer.

Gerade Senioren werden in Zukunft diese Selbstständigkeit ihrer fahrenden Untersätze zu schätzen wissen. Denn die Welt des Jahres 2050 wird eine Seniorengesellschaft sein: Zum ersten Mal wird es dann weltweit mehr Menschen über 60 als Jugendliche unter 15 Jahre geben. In den Industrienationen sieht die Entwicklung noch dramatischer aus – so wird in Deutschland 2050 jeder Dritte im heutigen Rentenalter und jeder Siebte über 80 Jahre alt sein. Um die Gesundheitssysteme bezahlbar zu halten, müssen daher neue Lösungen entwickelt werden: Vorsorge und Früherkennung von Krankheiten werden eine entscheidende Rolle spielen, ebenso die Computerunterstützung bei Diagnose und Therapie und die Datenvernetzung aller wichtigen Spieler im Gesundheitswesen.

Wenn man die wichtigsten Trends bis 2050 mit einem einzigen Begriff zusammenfassen will, könnte man also von „ganzheitlicher Gesundheit“ sprechen: Gesundheit der Umwelt und Gesundheit des Menschen. Das erste wird getrieben durch die Megatrends von Klimawandel und Ressourcenverknappung, das zweite durch den Megatrend des demographischen Wandels mit dem enormen Anstieg der durchschnittlichen Lebenserwartung. Wenn wir in Deutschland auf diese Entwicklungen setzen, können wir zum Vorreiter für die Zukunft werden – dann haben wir alle Chancen, auch im 21. Jahrhundert so erfolgreich zu sein, wie wir es in den vergangenen Jahrzehnten waren.

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3 Antworten zu Woher bekommen wir zwei Erden?

  1. GB schreibt:

    Denke nicht, dass der elektrische Strom Energieträger der Zukunft sein wird.
    Einmal abgesehen vom Transport zum Verbraucher,
    wird Strom nicht gleich verbraucht, ist es sehr aufwändig und dadurch teuer ihn zu speichern.
    Meiner Meinung nach wird Wasserstoff der Energieträger der Zukunft.
    Woher der Wasserstoff kommen soll, zeigt Karl-Heinz Tetzlaff auf seinen Seiten:
    http://biowasserstoff.de/h2

    • GB schreibt:

      Sorry, dieser Link funktioniert:
      http://bio-wasserstoff.de/h2

    • ulricheberl schreibt:

      Ich denke durchaus auch, dass Wasserstoff künftig eine wichtige Rolle spielen wird, aber als ERGÄNZUNG des neuen Stromzeitalters, nicht als allumfassender Energieträger. Gerade Wasserstoff kann ein wunderbarer Speicher für Überschussstrom sein (Stichwort Elektrolyse) und damit einen Teil des Speicherproblems beheben – der Wasserstoff kann dann in Gasturbinen wieder in Strom verwandelt werden, ins Erdgasnetz eingespeist werden, Brennstoffzellen-Fahrzeugen antreiben, in der chemischen Industrie verwendet werden und vieles mehr. Aber die grundlegende Infrastruktur wird auf elektrischen Strom bauen, denn elektrischer Strom kann extrem umweltfreundlich erzeugt werden (Wind, Solar), mit geringsten Verlusten übertragen werden (5% auf 1.500 km) und hoch effizient genutzt werden (z.B. Wirkungsgrade Elektromotor >90%).

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