Megacity in Grün: die Bauernhöfe im Wolkenkratzer


Preisfrage: Wie heißt die größte Stadt der Welt? Wer jetzt das chinesische Chongqing am Jangtse-Fluss nennt, hat tatsächlich einen Preis verdient, denn noch vor wenigen Jahren war diese Stadt kaum jemandem im Westen bekannt. Sie wurde erst 1997 zur „regierungsunmittelbaren Stadt“ ausgerufen, ist so groß wie Österreich und hat fast 32 Millionen Einwohner. Doch auch andere Städte Chinas wachsen geradezu explosiv: Gab es in Schanghai Mitte der 1980er-Jahre noch kaum ein Gebäude mit mehr als 18 Stockwerken, so sind es heute über 6.000. Das quirlige Stadtviertel Pudong war damals noch ein dünn besiedeltes Sumpfgebiet, heute ist es weltweit der Ort mit den höchsten Wolkenkratzern pro Quadratkilometer.

Und dieser Drang in die Metropolen gilt auch weit über China hinaus. Jeden Tag wächst die Stadtbevölkerung Asiens derzeit um 100.000 Menschen! Schon in fünf Jahren werden weltweit 350 Millionen Menschen in Megacities mit über zehn Millionen Einwohnern leben. Vor 30 Jahren gab es nur vier dieser Ballungszentren – New York, Tokio, Schanghai und Mexico City –, heute sind es schon 21, und nur vier von ihnen liegen noch in den Industrienationen. Das Wachstum der Städte findet derzeit fast ausschließlich in den Entwicklungs- und Schwellenländern statt. Von den drei Milliarden Menschen, die bis 2050 zusätzlich die Städte der Welt bevölkern werden, werden fast alle in den Metropolen Asiens, Afrikas und Südamerikas hinzukommen. 2050 werden dann fast so viele Menschen in Städten leben wie heute auf dem ganzen Planeten!

Stillstand auf den Straßen

Dass ein solch rasantes Wachstum der Städte immense Probleme mit sich bringt, liegt auf der Hand. So werden in Peking jeden Tag tausend neue Pkw zugelassen – innerhalb von zehn Jahren ist dadurch die Durchschnittsgeschwindigkeit selbst auf den großen Ringstraßen von 45 km/h auf nur noch 10 km/h gesunken. Ähnliche Werte auch in Bangkok oder Moskau. Und in Metropolen wie Rio de Janeiro oder São Paulo sind manche Geschäftsleute oft tagelang überhaupt nicht mehr auf den Straßen unterwegs: Sie bewegen sich nur noch mit Helikoptern von ihren Wohn-Appartements auf die Dächer der Bürohochhäuser – aus Sicherheitsgründen, aber auch, weil unten in der Stadt kein Durchkommen mehr ist.

Kein Wunder, dass daher bei einer Umfrage unter mehr als 600 Politikern, Stadtplanern, Wirtschaftsführern und Wissenschaftlern aus 25 Millionenstädten fast die Hälfte als größte Herausforderung den Verkehr nannten – noch weit vor anderen Problemen wie der ineffizienten Infrastruktur und der Luft- und Wasserverschmutzung oder der Abfall- und Abwasserentsorgung. Die Lösung kann nur darin liegen, das Netz der öffentlichen Verkehrsmittel – ob Busse, U- oder S-Bahnen – stark auszubauen und sie möglichst komfortabel und energieeffizient zu machen. Außerdem werden sie in Zukunft stark automatisiert funktionieren und eng getaktet hintereinander fahren – was die Hürde, sie zu nutzen, weiter senkt.

In den fortgeschrittenen Städten des Jahres 2050 wird die Bedeutung des eigenen Pkw als Statussymbol stark zurückgehen: In „grünen“ Stadtvierteln werden dann viele Wege zu Fuß oder per Fahrrad zurückgelegt werden. So wie es heute vielerorts Fahrradverleihstationen gibt, werden darüber hinaus Elektro-Stadtautos gemietet und nach einer einmaligen Anmeldung mit Chipkarten oder per Handy schnell und problemlos bezahlt werden können. Auch werden manche Fahrten durch Telearbeit ganz entfallen, denn dank schneller Datenleitungen und 3D-Internet lassen sich viele Büroarbeiten auch von zu Hause erledigen.

Hühner und Obst vom Farmhochhaus um die Ecke

Wie aber lassen sich 6,5 Milliarden Stadtbewohner im Jahr 2050 mit Nahrung versorgen? Sicherlich nicht, indem alle Lebensmittel per Lkw, Schiff oder gar Luftfracht aus weiter Ferne herbei transportiert werden. Warum nicht Obst- und Gemüseplantagen samt Viehzucht im Wolkenkratzer anlegen und sich so in den Megacities seine Nahrung sozusagen vom Farmhochhaus um die Ecke holen? In Singapur wird so etwas tatsächlich vorangetrieben. Dort sollen bis 2030 auf Gebäuden 50 Hektar bepflanzt sein. Diese „hängenden Gärten von Singapur“ sollen dann zudem als natürliche Klimaanlage dienen und die Temperatur in der Stadt um einige Grad senken.

Megacitis in Grün

Bauernhof im Wolkenkratzer © Siemens

Auch Forscher in New York und Australien verfolgen die Vision von den „vertikalen Bauernhöfen“. Ihr Konzept sieht vor, dass in solchen Wolkenkratzern nicht nur auf dem Dach, sondern auf jeder Etage Felder von Weizen, Gerste oder Mais angelegt sind. Ebenso soll es dort Gemüsebeete, Obstgärten, Hühner in Bodenhaltung und Wassertanks geben, in denen Fische oder Garnelen gezüchtet werden. Leuchtdioden liefern zusätzliches Licht, und der Stallmist des Kleinviehs dient als Dünger. Chemische Schädlingsbekämpfungsmittel wären kaum nötig, weil die Pflanzen in Granulaten wachsen oder direkt in einer Lösung mit Nährstoffen – der Verbrauch an Wasser und Dünger sinkt dadurch erheblich, und gefräßige Schädlinge können leichter ferngehalten werden.

Trotz kleiner Fläche können es solche Gebäude mit großen Farmen spielend aufnehmen. Denn in ihnen lassen sich Pflanzen das ganze Jahr über anbauen; Salat könnte alle sechs Wochen, Mais oder Weizen drei- bis viermal pro Jahr geerntet werden. In einem dreißigstöckigen Gebäude auf einer Grundfläche von 60 Hektar kann man auf diese Weise ebenso viele Pflanzen anbauen wie auf einer zehn Quadratkilometer großen Farm, haben die Forscher ausgerechnet.

Das französisch-belgische Architektenbüro von Vincent Callebaut hat sogar schwimmende grüne Inseln entworfen, die vor der Küste der asiatischen Riesenstädte oder im East River New Yorks platziert werden könnten. Die Versorgung mit Wasser und Energie – beispielsweise durch Wind- und Wellenkraftwerke – wäre hier leicht zu lösen. Und mehr noch: Solche schwimmenden, grünen Oasen wären hervorragende Naherholungsgebiete für die gestressten Städter in der Zukunft des Jahres 2050 !

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